Studium Generale

Wertneutralität der wissenschaftlichen Politikberatung in Pandemiezeiten

Prof. Dr. Marcel Weber, Universität Genf

Die gegenwärtige COVID-19 Pandemie hat in vielen Gegenden der Welt tiefgehende Gräben zwischen Wissenschaft, Staat und Gesellschaft aufgerissen oder vielleicht auch nur aufgezeigt. Warnungen über bevorstehende Infektionswellen und konkrete Empfehlungen von Expert*innen wurden vielerorts von der Politik ignoriert. Massnahmen zur Pandemiebekämpfung führten und führen zu massiven Protesten, Impfskepsis bleibt weit verbreitet, vielen Menschen fehlt das Vertrauen in die Wissenschaft und in die zuständigen staatlichen Organe. Fundiertes Wissen hat einen schweren Stand gegen die allgegenwärtige Desinformation.

Wie konnte das passieren? Wäre es nicht gerade die Aufgabe der Wissenschaft, wertneutrales Wissen und reine Fakten als Entscheidungsgrundlage für die Politik zu liefern? Warum sind die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung ebenso kontrovers wie die politischen Entscheidungen selbst?

Eine mögliche Erklärung könnte darin bestehen, dass das klassische Bild der wertneutralen Wissenschaft schief ist. Zum einen haben Wissenschaftler*innen sich wiederholt nicht nur zu Faktenfragen geäussert, sondern sie haben auch konkrete Handlungsempfehlungen abgegeben, so z.B. auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Dies lässt sich angesichts der durch die extreme Dynamik einer Pandemie gegebenen Dringlichkeit sowie eines breiten politischen Konsenses (zumindest in Deutschland) möglicherweise rechtfertigen. Doch das viel schwierigere Problem besteht darin, dass es möglicherweise grundsätzlich gar keine wertneutrale Wissenschaft geben kann.

In meinem Vortrag gehe ich der Frage nach, welche Arten von Werturteilen in der Epidemiologie hochansteckender Viruserkrankungen eine Rolle spielen könnten.

Wertneutralität der wissenschaftlichen Politkberatung in Pandemiezeiten

Prof. Dr. Marcel Weber, Département de philosophie, Université de Genève

Moderation: Clemens Wischermann