Studium Generale

Gewogen, geschlagen, gebunden. Zum Wertewandel in der Mutter-Kind-Beziehung der letzten hundert Jahre

 

apl. Prof. Dr. Miriam Gebhardt, Universität Konstanz, Fach Geschichte

Deutsche Kindheit im 20. Jahrhundert, da wetteifern in der öffentlichen Diskussion ganz verschiedene Bilder miteinander. Heroische unter dem Stichwort "Weltkrieg-II-Kindheit", traurige unter dem Stichwort "vaterlose Kindheit", grausame unter den Stichworten Euthanasie, Heimerziehung, Missbrauch, aber auch emanzipatorische unter dem Stichwort "Kinderladenbewegung" und "anti-autoritäre Erziehung". Die meisten dieser Deutungen der Kindheitsgeschichte beziehen sich auf allgemeine Umstände des Aufwachsens, im Krieg, in Institutionen, in besonderen politischen Konstellationen. Der wichtigste Ort der Kindheit, nämlich die Familie, bleibt dabei erstaunlich unbeleuchtet. Es scheint fast so, als seien Eltern-Kind-Beziehungen im 20. Jahrhundert eine geschichtsfreie Konstante gewesen; Vater - Mutter - Kind, was soll sich da schon groß verändert haben? Der Vortrag setzt hier an und rekonstruiert den Wandel der Eltern-Kind-Beziehungen in den letzten hundert Jahren. Dabei geht es um Fragen wie: Wie frei waren die Eltern in ihrem Handeln? Mit welchen Vorstellungen vom Wesen des Kindes und mit welchen Zielen wurden Kinder großgezogen? Und welches sind heute die Erbschaften der historischen Erziehungstraditionen in den Familien?

Miriam Gebhardt ist Journalistin und Historikerin und lehrt als außerplanmäßige Professorin Geschichte an der Universität Konstanz. Sie habilitierte sich mit einer Arbeit über die "Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen. Eine Geschichte der Erziehung im 20. Jahrhundert". Sie ist darüber hinaus Autorin von Büchern über Rudolf Steiner und die Anthroposophie, über die Widerstandsgruppe Weiße Rose sowie über die deutsche Frauenbewegung. Ihr Bestseller "Als die Soldaten kamen" (2015) sammelte erstmals Belege für die Massenvergewaltigung nach dem Zweiten Weltkrieg in ganz Deutschland durch alle Besatzungsarmeen. Aktuell erschienen ist ihr Buch "Wir Kinder der Gewalt. Wie Frauen und Familien bis heute unter den Folgen der Massenvergewaltigungen bei Kriegsende leiden" (2019).

Datum: 2019-11-25