Was macht Stress mit unserem Gehirn?

Prof. Dr. Jens Pruessner, Universität Konstanz

Stress ist ein häufig verwendeter Begriff, dessen Bedeutung allerdings erstaunlich vielschichtig ist. Eine Mehrheit der Bevölkerung bezeichnet sich als gestresst, ohne dass einheitliche Ursachen zugrunde liegen, oder vergleichbare Folgen zu beobachten sind.

Stressoren setzen eine Vielzahl von psychischen, physiologischen und endokrinologischen Prozessen in Gang, die der Energiebereitstellung und der Bewältigung von belastenden Situationen dienen. Der Freisetzung des Stresshormons Cortisol beim Menschen kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Als Steroidhormon kann es die Blut-Hirn Schranke überwinden und direkt im zentralen Nervensystem an Glukokortikoidrezeptoren binden, was mit akuten emotionalen und kognitiven Effekten in Verbindung gebracht wird. Die langfristigen Folgen von erhöhtem (chronischem) Stress werden dabei intensiv untersucht und diskutiert. Im Tierversuch konnte gezeigt werden, dass langfristige Stresshormonausschüttung mit Gedächtnisverlust, Abbau von Nervenzellen und erhöhtem Demenzrisiko verbunden ist. Beim Menschen ist das Bild differenzierter: Die Effekte auf das Gedächtnis sind abhängig von den mit Stress verbundenen Gedächtnisprozessen, und die Beeinträchtigung der Nervenzellen auch nach massiver Stresshormonfreisetzung scheint temporär, und zumindest nicht primär mit Zellverlust assoziiert.

Generell führt Stress zu einer deutlichen und nachhaltigen Veränderung der Aktivität des zentralen Nervensystems, was sich mit Hilfe von funktionellen Bildgebungsstudien zeigen lässt. Die Bedeutung dieser Aktivitätsveränderungen in unterschiedlichen Arealen des zentralen Nervensystems ist dabei ebenfalls Gegenstand einer Vielzahl von Untersuchungen, die helfen sollen, die Verbindung von Stress zu psychischen Störungen oder Erkrankungen des zentralen Nervensystems zu zeigen. Mit Hilfe von funktionellen Bildgebungsstudien kann weiterhin die Effektivität von akuten Interventionen und Stressprävention direkt nachgewiesen werden.

Zusammenfassend lässt sich eine Vielzahl von akuten und chronischen Stresseffekten im zentralen Nervensystem nachweisen. Die Stressforschung kann uns dabei helfen, diese Effekte besser zu verstehen, und als Folge besser mit stressvollen Situationen umzugehen.

Datum: 2017-11-20