Gerhard Richter: Malerei vor dem Dilemma

Dieter Schwarz,  Kunstmuseum Winterthur

Gerhard Richters Malerei ist seit ihren Anfängen geprägt von dem Dilemma, das er selber benannte, “dass zwar unser Sehen uns die Dinge erkennen lässt, dass es aber gleichzeitig die Erkenntnis der Wirklichkeit begrenzt und partiell unmöglich macht”. Darum kreist der Vortrag, der ausgeht von einem Schlüsselwerk, 4 Glasscheiben (1966), und dann einen Rundgang durch Richters Œuvre unternimmt. Dabei sollen einige der grundlegenden, vermeintlich oft widersprüchlichen Züge seiner Kunst behandelt werden. Dazu zählen die von den Glasscheiben thematisierten Eigenschaften des Bildes, seine Transparenz oder Opazität, der Spiegel als das perfekte Bild der Wirklichkeit. Andererseits bringt Richters Werk auf immer neue Weise die Frage nach dem Zufall ins Spiel, sei es in den Motiven der figürlichen Bilder, sei es in der Abstraktion. Richter ist sich der heiklen Situation des Künstlers bewusst, der in seiner Praxis gezwungen ist, Entscheide zu fällen. Zugleich weiss er um die Unmöglichkeit, diese gültig zu begründen. Als Beispiele dafür werden bedeutende Werke wie 1024 Farben in 4 Permutationen (1973) und 128 Fotos von einem Bild (1978) behandelt. Die Begriffe von Ordnung und Unordnung sind in Richters Schaffen stets gegenwärtig, und er hat dafür in seinen weniger bekannten Schautafeln Bilderverzeichnis und Übersicht einen Ausdruck gefunden. Obwohl Richter ein Maler geblieben ist und sich stets für die Tradition der gegenständlichen Malerei interessierte, soll er auch im Kontext zeitgenössischer minimalistischer, von ihm geschätzter Künstler wie Carl Andre, Sol LeWitt und Robert Ryman betrachtet werden. Der Vortrag schliesst mit dem jüngsten Werk Richters, dem Münsteraner Pendel, das im Sommer 2018 der Öffentlichkeit übergeben wurde.

Dieter Schwarz, 1953 geboren in Zürich. Studium der deutschen und französischen Literatur, der Linguistik und Komparatistik in Zürich; 1981 Promotion mit einer Arbeit über das literarische Werk von Dieter Roth. 1981–1983 Editionsarbeit für die Adolf Wölfli-Stiftung am Kunstmuseum Bern. 1983–1985 Forschungsaufenthalt als Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds in Paris; danach eine Publikation zu Stéphane Mallarmé. 1985–1990 Kurator am Kunstmuseum Winterthur. Von 1990 bis 2017 Direktor des Kunstmuseums Winterthur. Lebt in Zürich.
Zahlreiche Ausstellungen und Publikationen zur Kunst von der historischen Moderne bis zur Gegenwart, insbesondere zur neueren amerikanischen, italienischen und deutschen Kunst.

Datum: 2018-12-17


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